Montag, 5. August 2024

Hospital

Alexianer St. Hedwig-Krankenhaus, Station 23, Große Hamburger Straße, Berlin-Mitte. 

(Die Alexianer führten ein geistliches Leben mitten in der Gesellschaft. Damit waren sie für ihre Zeitgenossen schwer einzuordnen. Auch der Kirche wurden sie verdächtig, weil sie sich mit ihrem Wirken außerhalb von Klostermauern jeglicher Kontrolle durch Rom entzogen. Im Jahr 1507 wurden die Alexianer schließlich als Ordensgemeinschaft anerkannt und entgingen auf diese Weise endgültig dem Verdacht der Häresie. Es war eine Zeit des Umbruchs in Europa und in der Kirche. Die Alexianer sahen die Not einer Gesellschaft, in der die kirchliche Macht den Dienst an den Armen mehr und mehr aus dem Blick verlor. Ihre Zeitgenossen staunten über die Brüder. „Sie leben unter den Toten, ohne den Tod zu fürchten, der ja allen anderen Menschen Schrecken einflößt. Das ist wahrhaftig ein heroisches Leben …“, schrieb der Jesuitenpater Etienne Binet über die Alexianer zur Zeit der Pestepidemie im Jahr 1634).


rm hat ein Zimmer für sich allein und liegt sehr flach im Bett. Aufzurichten fällt ihm schwer. Wir haben ihm eines seiner Laptops vorbei gebracht. Die anderen sind in der Reparatur oder müssen noch repariert werden. Dieser hier hält ohne Stromnetzanschluß vielleicht noch zwei Stunden. Auf seiner Brust ist ein schwarzes Kreuz für die Strahlentherapie markiert. Über dem Eingang hängt ein Holzkreuz. Er weist mich auf die merkwürdigen Figuren auf den Dächern der Nachbarhäuser hin. Sie wirken wie Wächter aber trotzdem absurd. rm denkt überhaupt nicht daran zu sterben. Schritt für Schritt will er diesen Zustand verlassen. Er will wieder zu seiner Arbeit zurückkehren und ist froh darüber, zwei Stunden E-Mails beantworten zu können. 


Jetzt ist es Mai. Im März besuchte er uns und sagte: „Ich möchte keine Hoffnung für mich. Wo Hoffnung ist, ist auch Verzweiflung. Beides ist mir unangenehm. Ich brauche relevante Informationen von den Ärztinnen und Ärzten und die bekomme ich nicht.“


Im Herbst sagte er noch vor seiner Diagnose: „Ich bin in der Todeszone. Wie komme ich da raus? Wahrscheinlich durch den Tod selbst“. 



Alexianer St. Hedwig Hospital, Ward 23, Große Hamburger Straße, Berlin-Mitte. 


(The Alexians led a spiritual life in the midst of society. This made them difficult for their contemporaries to categorize. They were also suspected by the Church because their activities outside the monastery walls meant that they escaped any control by Rome. In 1507, the Alexians were finally recognized as a religious order and thus finally escaped suspicion of heresy. It was a time of upheaval in Europe and in the Church. The Alexians saw the plight of a society in which ecclesiastical power was increasingly losing sight of service to the poor. Their contemporaries marveled at the friars. "They live among the dead without fearing death, which terrifies all other people. This is truly a heroic life ...", wrote the Jesuit priest Etienne Binet about the Alexians at the time of the plague epidemic in 1634).


rm has a room to himself and is lying very flat in bed. He finds it difficult to sit up. We brought him one of his laptops. The others are being repaired or still need to be repaired. This one will last maybe another two hours without a power supply. A black cross for radiotherapy is marked on his chest. A wooden cross hangs above the entrance. It draws my attention to the strange figures on the roofs of the neighboring houses. They look like sentinels, but still absurd. rm doesn't think about dying at all. Step by step, he wants to leave this state. He wants to return to his work and is happy to be able to answer e-mails for two hours. 


Now it's May. He visited us in March and said: "I don't want any hope for myself. Where there is hope, there is also despair. Both are unpleasant for me. I need relevant information from the doctors and I'm not getting it."


In the fall, before his diagnosis, he said: "I'm in the death zone. How do I get out of it? Probably through death itself". 

Montag, 29. Juli 2024

Foto

Ich lernte rm 1980 kennen – in einer Galerie in Göttingen. Er war einer von den neuen Studentinnen und Studenten, die ihr erstes Semester nach dem Sommer in Göttingen begannen. Ich glaube, dass er dort Germanistik studierte, was ihn aber nicht wirklich interessierte. Später studierte er „Visuelle Kommunikation“ an der Kunsthochschule in Kassel. Er machte sofort Eindruck auf mich. Sein Blick war intensiv, fokussiert ohne zu vereinnahmen. Ich glaube, dass er einige seiner Gedichte dort an Ort und Stelle rezitierte. Sie waren ungewöhnlich, modern, konkret und die Rezitation eine eigene Performance. Sein Hauptinteresse war aber die Fotografie. Einige Wochen später fotografierte er einige Freunde und Freundinnen in einem Landhaus, ein gestelltes Bacchanal. rm war die einzige Person, die nicht nackt war, hatte aber genauso viel Spaß wie wir. Der Künstler Marc Trapphagen war auch dabei. Marc war Anfang der 1980er Jahre ein kommerziell erfolgreicher Maler in der Universitätsstadt. Mit der akademischen Welt hatte er aber auch nichts zu tun. Sein Markenzeichen war es, seine Werke nicht zu signieren. 1987 besuchte er mich in Berlin, dann verschwand er aus meinem Leben und anscheinend aus der Welt. Niemand weiß, wo er geblieben ist. Anfragen an seine ehemalige Galerie blieben unbeantwortet. Gestorben scheint er nicht zu sein. Er hat vielleicht einfach nur die Identität gewechselt.


Auf der Rückseite dieses Fotos schreibt rm als Postkarte an mich: „Ich meine, wenn wir schon eine gemeinsame Performance machen wollen, dann müssen wir sie auch gemeinsam ausarbeiten, und zwar nicht brieflich, denn beim Schreiben werden Vorstellungen zu Motivationen karikiert und Intentionen zu einem pragmatischem Kalkül.“ (Göttingen, 25/5/82)



rm, Bacchanal 1980

I met rm in 1980 - in a gallery in Göttingen. He was one of the new students starting their first semester in Göttingen after the summer. I think he was studying German language and literature there, but he wasn't really interested in it. He later studied “Visual Communication” at the Kunsthochschule in Kassel. He made an immediate impression on me. His gaze was intense, focused without being overpowering. I think he recited some of his poems there on the spot. They were unusual, modern, concrete and the recitation was a performance in itself. But his main interest was photography. A few weeks later, he photographed some friends and girlfriends in a country house, a posed bacchanal. rm was the only person who wasn't naked, but he had just as much fun as we did. The artist Marc Trapphagen was also there. Marc was a commercially successful painter in the university town in the early 1980s. But he had nothing to do with the academic world either. His trademark was not to sign his works. In 1987 he visited me in Berlin, then he disappeared from my life and apparently from the world. No one knows where he has gone. Inquiries to his former gallery have gone unanswered. He doesn't seem to have died. Perhaps he simply changed his identity.


On the back of this photo, rm writes to me as a postcard: “I mean, if we want to do a joint performance, then we have to work it out together, and not in writing, because in writing, ideas are caricatured into motivations and intentions into a pragmatic calculation.” (Göttingen, 25/5/82)

Samstag, 20. Juli 2024

Aktentasche

Unter den Dingen, die mir rm hinterlassen hat, gehören eine elektrische Kaffeemühle und eine schwarze Aktentasche von Karl Lagerfeld. Die Aktentasche ist schwer, fühlt sich aber an wie weiches Gummi, obwohl sie aus Leder ist. Auf der Internetseite des Marke findet man diese Tasche nicht mehr sondern nur noch der Zeit angepasste Umhängetaschen mit großen Aufdrucken. Dieser hier ist diskret mit eine Blindprägung des Namens, die eher an den Beginn des 20. Jahrhunderts erinnert oder an das Ende des 19. Jahrhunderts. Männer mit Melonen und in schwarzen Anzügen, wie sie Margritte gemalt hat, könnten diese Aktentaschen getragen haben. Eine Paraphrase zu Oscar Wilde fällt mir ein: „Sie (die Aktentasche) ist so altmodisch, dass sie schon wieder hypermodern ist“. rm hat sie irgendwo in Berlin-Mitte gefunden und sie wieder in Schuss gebracht. Die guten, zeitlosen Dinge braucht man nicht unbedingt zu kaufen. Sie lassen sich finden. 



Among the things rm left me are an electric coffee grinder and a black briefcase by Karl Lagerfeld. The briefcase is heavy, but feels like soft rubber, even though it is made of leather. You won't find this bag on the brand's website any more, only shoulder bags with large prints in keeping with the times. This one is discreet with a blind embossing of the name, which is more reminiscent of the beginning of the 20th century or the end of the 19th century. Men with bowler hats and in black suits, as drawn by Margritte, could have carried these briefcases. A paraphrase of Oscar Wilde comes to mind: “It (the briefcase) is so old-fashioned that it is hypermodern again”. rm found it somewhere in Berlin-Mitte and restored it to its former glory. You don't necessarily have to buy the good, timeless things. They can be found. 



Zettel

 so

und

so

bleiben

sie 

erstmal

eine Weile

stehen

und

bitte

nicht

bewegen

Dankeschön für Ihr

Verständnis

11-3-80, 2:01


Archiv Monika Moeller


so

and

like this

remain

they 

for a while

a while

stand

and

please

not

move

Thank you for your

understanding

11-3-80, 2:01

Montag, 15. Juli 2024

Verträumt

Verträumt

ist meine Welt

Menschen

rennen auf mich zu

und ich 

an ihnen vorbei

sie auch


rm, 1978 (Archiv: Monika Moeller)

Dreamy

is my world

People

run towards me

and I 

past them

them too


Freitag, 12. Juli 2024

Rauch

Wenn man 50 Jahre lang täglich etwa 10 Zigaretten raucht, dann ergibt das eine Summe von 182.500 Zigaretten. Bei einer normalen Zigarettenlänge von ca. 6 cm sind das also 1.095.000 cm oder auch 10.950 Meter. Das ist ungefähr das Maß, das r.m. und ich jeweils in diesem Leben geraucht haben: 10,95 km. Er hat mit dem Rauchen aufgehört, ich nicht. 

Mit dem Rauchen nach Langzeitrauchen aufzuhören, hielten wir für gefährlich. Besser ist es, den Zigarettenkonsum zu drosseln. Wahrscheinlich ist das medizinischer Unsinn oder magisches Denken. Vielleicht auch ein Alibi für die persönliche Suchterkrankung. Und dennoch gibt es nicht wenige Bekannte, die einige Jahre später an Lungenkrebs gestorben sind nachdem sie mit dem Rauchen aufgehört hatten. 


Die Statistik lügt nicht, aber man lebt und stirbt persönlch und nicht statistisch - je nachdem was für ein Schweinezeug von Chromosomen (schon wieder ein Beckett-Zitat) man geerbt hat. 


„Plattenepithelkarzinome entstehen in den Plattenepithelzellen, d.h. in den flachen Zellen, die das Innere der Atemwege in der Lunge auskleiden. Sie sind häufig mit dem Rauchen assoziiert und treten meist im mittleren Teil der Lunge, in der Nähe eines Hauptluftwegs (Hauptbronchus), auf.“


Und dennoch: „Laut Chirurg gehöre ich wohl zum glücklichen Drittel (von Patienten mit ähnlicher Symptomlage) bei denen eine Heilung möglich scheint und angestrebt ist.“ (E-Mail vom 3. Januar 2024).




If you smoke about 10 cigarettes a day for 50 years, that's a total of 182,500 cigarettes. With a normal cigarette length of approx. 6 cm, that's 1,095,000 cm or 10,950 meters. That is roughly the distance that r.m. and I have each smoked in this life: 10.95 km. He quit smoking, I didn't. 


We thought it was dangerous to stop smoking after long-term smoking. It's better to cut down on cigarette consumption. This is probably medical nonsense or magical thinking. Perhaps also an alibi for personal addiction. And yet there are quite a few acquaintances who died of lung cancer a few years later after quitting smoking. 


The statistics don't lie, but you live and die personally and not statistically - depending on what kind of pig of chromosomes (another Beckett quote) you have inherited. 


"Squamous cell carcinomas develop in the squamous cells, i.e. the flat cells that line the inside of the airways in the lungs. They are often associated with smoking and usually occur in the middle part of the lung, near a main airway (main bronchus)."


And yet: "According to the surgeon, I am probably one of the lucky third (of patients with similar symptoms) for whom a cure seems possible and is being sought." (e-mail dated January 3, 2024).

Donnerstag, 11. Juli 2024

Schatten

Ich habe es nicht gern, wenn die Schatten lichter werden, das ist ein verdächtiges Zeichen .

Samuel Beckett, Molloy



Reinhard Moeller: iPhone-Foto-Fundstück, 2021


I don't like it when the shadows get lighter, that's a suspicious sign.

Samuel Beckett, Molloy

Indischgelb

Tagtraum, Phantasie, Kontakt mit Reinhard Moeller. Ich treffe ihn zunächst auf einem Feldweg bei Loehne, Ostwestfalen, den wir im Jahre 2012...